|
Berlin, 02.12.2005 Schlechter Abgang der DB AG im Nordharz
Fieber oder Frust?
Bahn stellt Strecken wegen "Krankheit" ein / Connex verärgert
VON BERNHARD HONNIGFORT
Am Bahnhof im sachsen-anhaltinischen Städtchen Bernburg müssen sich am Dienstagmittag merkwürdige Szenen abgespielt haben. Als um 13.45 Uhr Fahrgäste in die Regionalbahn nach Calbe einsteigen wollten, war das Gleis leer. Der Zug kam nicht. Stattdessen, so die Mitteldeutsche Zeitung, wurden die Leute von einem Beschäftigten der Deutschen Bahn (DB) zu einem Bus geführt, der sie nach Calbe bringen sollte.
In einer "Verkehrsmeldung" erklärte die DB, was los war: Es würden bis zum 10. Dezember keine Nahverkehrszüge mehr fahren auf den drei Strecken zwischen Könnern und Bernburg, Bernburg und Calbe sowie Blankenburg und Elbingerode im Harz. Grund: "Ein erhöhter Krankenstand."
In Sachsen-Anhalt vermuten einige jedoch ganz andere Ursachen dafür, dass der Krankenstand der Zugbegleiter im Vor- und Nordharz "förmlich explodiert" ist. Nicht Husten, Heiserkeit oder Fieber, sondern Frust soll dahinter stecken, Ärger über anstehende Versetzungen. Denn einen Tag nach dem voraussichtlichen Ende der Erkrankungen, am 11. Dezember, übernimmt der DB-Konkurrent Connex 270 Kilometer Bahnnetz in Sachsen-Anhalt. Darunter auch die betroffenen Routen.
"Schlechter Ausstand"
"Keine Lust? Das kann man in der Tat vermuten", ärgert sich Jan Bleis, Geschäftsführer von Connex Sachsen-Anhalt über den ungewöhnlich hohen Krankenstand bei der DB. Spätestens seit März 2004 sei bekannt, dass Connex die Strecken übernehme, sagt Bleis. Er wundere sich über den "schlechten Ausstand", den sich die Bahn jetzt erlaube. Vielleicht, sagt er, steckten ja auch wirtschaftliche Motive dahinter.
Bleis fürchtet, dass Kunden verloren gehen könnten, wenn die DB bis zum 10. Dezember Busse als Ersatz anbietet. Diese Strecke sei ein "zartes Pflänzlein", bislang nicht gerade stark frequentiert. Connex habe der Bahn angeboten einzuspringen und den Verkehr vorzeitig zu übernehmen, sagt Bleis. Aber die DB habe nicht reagiert. Überhaupt sei es doch merkwürdig: "Woher wissen all die Leute so genau, dass sie bis zum 10. Dezember krank sein werden?"
Bei der DB will man darüber am liebsten nicht reden. "Die sind krank. Es ist so", sagt Sprecherin Erika Poschke-Frost. 25 Prozent der Beschäftigten seien jetzt arbeitsunfähig, im Jahresschnitt seien es drei Prozent. Zu den Ursachen der Erkrankung könne sie wegen des Datenschutzes aber nichts sagen. Dass der hohe Krankenstand etwas mit der Übernahme der Strecken durch Connex zu tun haben könnte, will sie nicht kommentieren. "Das sind zwei Paar Schuhe."
Quelle: Frankfurter Rundschau vom 02.12.2005
Druckansicht
<< Zurück
|